Der getrocknete Milchsaft aus den grünen, halbreifen Köpfen desPapaver somniferum, vorzüglich des großköpfigen, weißen Mohns, Papaver officinale. (....) Der Mohnsaft ist weit schwieriger in seinen Wirkungen zu beurteilen,als fast irgend eine andre Arznei. In der Erstwirkung kleiner und mäßigerGaben, in welcher der Organism, gleichsam leidend, sich von der Arzneiafficieren läßt, scheint er die Reizbarkeit und Thätigkeitdem Willen unterworfenen Muskeln auf kurze Zeit zu erhöhen, die derunwillkürlichen aber auf längere Zeit zu mindern und währender die Phantasie und den Muth in seiner Erstwirkung erhöhet, zugleich(die äußern Sinne) das Gemeingefühl und Bewußtseynabzustumpfen und zu betäuben. - Das Gegentheil bringt hierauf derlebende Organism in seiner thätigen Gegenwirkung, in der Nachwirkunghervor; Unreizbarkeit und Unthätigkeit der willkürlichen undkrankhaft erhöhete Erregbarkeit der unwillkürlichen Muskeln,und Ideenlosigkeit, bei Ueberempfindlichkeit des Gemeingefühls. (....) Keine Arznei in der Welt unterdrückt die Klagen des Kranken schnellerals der Mohnsaft. (....) Allen Arten von Husten, Durchfällen, Erbrechen, Schlaflosigkeit,Melancholie, Krämpfen und Nervenbeschwerden - vorzüglich aberallen Arten von Schmerzen ohne Unterschied setzte man Mohnsaft als dasvermeintliche Hauptmittel entgegen. (....) Denn wo fände sich wohl ein dem Mohnsaft gleiches Heilmittelin der hartnäckigsten Leibverstopfung und in den hitzigsten Fiebernmit klagenloser, betäubungsähnlicher Schlafsucht unter Schnarchenbei halboffenem Munde, und Zucken der Glieder, mit brennender Hitze desschwitzenden Körpers und in einigen andern, den Erstwirkungen desMohnsaftes an Aehnlichkeit entsprechenden Krankheits-Zuständen. (....) Fast nur Mohnsaft allein erregt in der Erstwirkung keinen einzigenSchmerz. Jedes andere bekannte Arzneimittel dagegen erregt im gesundenmenschlichen Körper, jedes seine eigene Arten von Schmerzen in seinerErstwirkung, und kann daher die ähnlichen Krankheiten (homöopathisch)heilen und vertilgen, vorzüglich wenn auch die übrigen Symptomeder Krankheit mit den von der Arznei beobachteten in Aehnlichkeit übereinstimmen.Nur allein Mohnsaft kann keinen einzigen Schmerz homöopathisch, dasist, dauerhaft besiegen, weil er für sich keinen einzigen Schmerzin der Erstwirkung erzeugt, sondern das gerade Gegentheil, Empfindungslosigkeit,deren unausbleibliche Folge (Nachwirkung) eine größere Empfindlichkeitals vorher und daher eine peinlichere Schmerzempfindung ist. (....) Betäubung, Leibesverstopfung und andre beschwerliche und gefährlicheSymptome, die bei dieser zweckwidrigen antipathischen Anwendung desselbennatürlich zum Vorscheine kommen mußten, und des Opiums eigenthümlicheWirkungen sind, ohne welches es nicht Opium wäre. Diese bei einersolchen Anwendung unvermeidlichen, lästigen Wirkungen hielt man abernicht für das, was sie sind, für Eigenthümlichkeit des Wesensdes Mohnsaftes, sondern für ihm bloß anklebende Unart, die manihm durch allerlei Künste benehmen müsse, um ihn ganz unschädlichund gutartig zu machen. In diesem ihrem Wahne versuchten sie von Zeit zuZeit, seit nun fast zwei tausend Jahren, durch sogenannte Corrigentia ihmdiese angeblichen Unarten zu benehmen, damit es fortan Schmerzen und Krämpfestillen lerne, ohne Delirien oder Hartleibigkeit zu erzeugen, - Erbrechenund Durchfall hemme, ohne zu betäuben, und alte Schlaflosigkeit zugutem Schlafe umwandle, ohne Hitze zu erregen und ohne Kopfschmerz, Zittern,Mattigkeit, Frostigkeit und Niedergeschlagenheit zu hinterlassen. (....) Daher setzte man ihm hitzige Gewürze zu, um seine in der Nachwirkunganzutreffende kältende Eigenschaft, und fügte ihm Laxirmittelund Salze bei, um seine leibverstopfende Unartigkeit zu tilgen u.s.w. Vorzüglichsuchte man durch mehrmaliges Auflösen desselben in Wasser, dann Durchseihenund Eindicken, sein rohes, ihm angeblich unnützes, schädlichesHarz davon zu scheiden, auch wohl durch monatlange Digestionen das ihmanhängende, flüchtige, vermeintlich giftartig narkotische Wesendavon zu treiben; ja man ging so weit, daß man diesen Saft durchRösten über Feuer zu veredeln und mild zu machen suchte und bildetesich dann ein, eine köstliche Panacee gegen alle jene Uebel und Beschwerden,gegen Schmerzen, Schlaflosigkeit, Durchfall u.s.w. erarbeitet zu haben,welche alle bekannte Mohnsaft-Unarten abgelegt hätte. (....) Der Mohnsaft hat vor vielen andern Arzneien die Eigenheit voraus, daßer bei ganz Ungewohnten und bei sehr erregbaren Personen, noch mehr aberin sehr großen Gaben zuweilen kurz dauernde, oft nur augenblicklicheReaktion besonderer Art sehen läßt, die aber theils ihrer Kürze,theils ihrer Seltenheit, theils ihrer Natur wegen, nicht mit der eigentlichenHaupt- und Erstwirkung verwechselt werden darf. Diese seltnen, augenblicklichen,anfänglichen Reaktionen stimmen fast völlig mit der Nachwirkungdes Organism auf Opium überein (und sind so zu sagen, ein Wiederscheindieser Nachwirkung): Todtenblässe, Kälte der Gliedmaßenoder des ganzen Körpers, kalter Schweiß, zaghafte Angst, Zitternund Zagen, schleimiger Stuhlgang, augenblickliches Erbrechen, oder Hüsteln,und sehr selten dieser oder jener Schmerz. (....)
Labor Gudjons:
Verwendet wurde getrockneter Milchsaft grüner Mohnkapseln ausder Ostrhön.
Keine Angabe im Homöopathischen Arzneibuch (nur Papaver rhoeas,Klatschmohn)
J. Buchner, Homöopathische Arznei-Bereitungslehre, München 1852,S. 385:
"Wir erhalten das Opium, den ausgetrockneten Saft aus den grünenhalbreifen Köpfen des Papaver somniferum L. vorzüglich des grossköpfigenweissen Mohns Papaver officinale Gm. in gleichförmigen braunen, fettartigglänzenden Kuchen von sehr bitter scharfem Geschmacke und betäubendem,mit dem Alter sich verminderndem Geruch."
Dr. Willmar Schwabe’s Homöopathisches Arzneibuch, Leipzig 1924, S.270:
"Der in Kleinasien durch Einschnitte in die unreifen Fruchtkapselnerhaltene und an der Luft getrocknete Michsaft von Papaver somniferum L.Fam. nat.: Papaveracea.